Trauma verstehen: Wenn Vergangenes die Gegenwart beeinflusst

Manche Erlebnisse hinterlassen Spuren, die Menschen noch ein Leben lang begleiten und ihr Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Unter dem Titel „Trauma – die unsichtbare Wunde“ widmete sich der jüngste Medizinische Dienstag der Gesellschaft für Leben und Gesundheit mbH (GLG) im Paul-Wunderlich-Haus in Eberswalde diesem wichtigen Thema. 

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, mehr über Traumata, ihre Bedeutung und Behandlungsmöglichkeiten zu erfahren. Als Referentinnen führten Sabine Gairing, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, sowie Tanja Loos, Leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am GLG Martin-Gropius-Krankenhaus, durch den Abend.

Eine Stunde lang beleuchteten die beiden Expertinnen das Thema aus medizinischer und psychologischer Sicht, bevor sie sich in einer rund halbstündigen Fragerunde den Anliegen des Publikums widmeten. Dass die Veranstaltung so gut besucht war, zeigt die wachsende gesellschaftliche Bedeutung psychischer Gesundheit. Kaum ein Begriff wird heute, vor allem bei der jüngeren Generation, so häufig verwendet wie „Trauma“. Doch was bedeutet er eigentlich? Ein Trauma entsteht durch ein Ereignis oder eine Erfahrung, die so überwältigend ist, dass die üblichen Bewältigungsstrategien eines Menschen nicht ausreichen. Gefühle von Angst, Hilflosigkeit oder Kontrollverlust stehen dabei häufig im Mittelpunkt. 

Jeder Mensch reagiert anders auf traumatische Ereignisse. Vor allem durch langandauernde oder wiederholte Belastung kann eine Traumafolgestörung entstehen. Patienten leiden dann z.B. unter Depressionen oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Entscheidend sei jedoch, betonte Tanja Loos, dass nicht jede belastende Erfahrung automatisch zu einer Traumafolgestörung führt: „Nicht jeder, der ein Trauma erlebt, muss eine PTBS entwickeln“, erklärte sie. Umso wichtiger ist daher die Früherkennung. So wiesen die Referentinnen auch auf typische Reaktionen und Warnsignale hin. Dabei leidet nicht nur die Psyche, auch körperlich hinterlassen traumatische Erfahrungen ihre Spuren. Zu den Symptomen zählen unter anderem Schlafstörungen, starke Reizbarkeit oder emotionale Taubheit, sozialer Rückzug, Vermeidungsverhalten oder sogenannte Flash Backs, also das Wiedererleben in Gedanken oder Alpträumen. 

Thema der beiden Vorträge ist auch die enge Verknüpfung von frühkindlichen Belastungen und deren Folgen im Erwachsenenalter: Besonders frühe und anhaltende Belastungen in der Kindheit können tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung haben. Anhaltender Stress verändere den Organismus dauerhaft. 

Was vor den Folgen eines Traumas schützt, zeigt die Resilienzforschung: Der wichtigste Schutzfaktor ist ein verlässliches soziales Netzwerk an der Seite der Betroffenen. Grundsätzlich ist das bei Kindern und Erwachsenen ähnlich. Bei Kindern kommt den Eltern oder anderen engen Bezugspersonen dabei jedoch eine besonders wichtige Rolle zu. Sie sind Voraussetzungen dafür, das Erlebte neu einzuordnen und belastende Erfahrungen verarbeiten zu können. „Wenn der Boden noch wackelt, braucht es zuerst Halt und Stabilität. Dann erst kann Heilung beginnen“, betonte Sabine Gairing. Häufig werden sie daher auch begleitend in die Therapiemaßnahmen einbezogen. Neben fachlichen Einblicken gaben die Referentinnen den Zuhörenden auch einen praktischen „Werkzeugkasten“ für belastende Momente mit auf den Weg. Ziel der Übungen ist es, das Nervensystem zu beruhigen und die Aufmerksamkeit zurück ins Hier und Jetzt zu lenken. Dabei können starke Sinnesreize helfen, etwa ein Eiswürfel in der Hand, kaltes Wasser im Gesicht, saure Brause oder andere intensive Geschmäcker. Auch vertraute Musik, körperliche Bewegung, bewusstes gemeinsames Atmen oder kreative Tätigkeiten wie Malen, Basteln oder Kneten können dabei unterstützen. Besonders anschaulich wurde es bei der sogenannten 5-4-3-2-1-Methode, die gemeinsam mit dem Publikum durchgeführt wurde: fünf Dinge sehen, vier Dinge fühlen, drei Dinge hören, zwei Dinge riechen und eine Sache schmecken. Die Übung lenkt die Aufmerksamkeit bewusst zurück auf die Gegenwart.

In der abschließenden Fragerunde nutzten viele Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, eigene Fragen an die Expertinnen zu richten. Die große Resonanz auf die Veranstaltung zeigte, wie wichtig Aufklärung über psychische Gesundheit und Traumafolgen ist. Die Referentinnen vermittelten dabei eine zentrale Botschaft: Traumatische Erfahrungen müssen nicht das gesamte weitere Leben bestimmen, entscheidend sind frühzeitige Unterstützung und der Zugang zu professioneller Hilfe.

 

Wer Unterstützung benötigt findet Hilfsangebote bei folgenden Anlaufstellen:

 

Für Kinder und Jugendliche:

Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche (Erstkontakt über die PIA Eberswalde)

Tel: 03334-53701

Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters MGKH

Tel: 03334-53273

Im Notfall über die Rezeption: 03334-530

 

Für Erwachsene:

Traumaambulanz (Erstkontakt über die Psychiatrische Institutsambulanz)

Tel: 03334-53 367

Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des MGKH

Tel: 03334-53 267

Im Notfall über die Rezeption: 03334-530

 

Fotos: Annalena Ortmann

GLG-Öffentlichkeitsarbeit, Telefon: 03334 69-1791 E-Mail: annalena.ortmann@glg-mbh.de